Geschichte und Historische Romane

Welche Feuer, welche Freiheit?
Rettung der Philosophie in finsteren Zeiten - gemeint sind die Jahre 1933 bis 1943, in denen der europäische Kontinent und dann die ganze Welt in ein jegliche Freiheit verzehrendes Feuer entflammte, sodass sich das Ansinnen, gerade darin und darüber hinaus sinnendes und suchendes weibliches Denken zu bewahren fast von selbst ausschloss?
Dass dies eben ganz und gar nicht der Fall war, das versucht der Philosoph und Publizist Wolfram Eilenberger nicht nur zu beweisen, sondern er verifiziert es gekonnt am Beispiel von vier herausragenden Frauen: an Hannah Arendt, Simone de Beauvoir, Ayn Rand und Simone Weil. Dabei verfolgt er, mal gedankengelenkt, mal historisch eingebunden, mal extrem privat, jede der Philosophinnen, kommt ihnen so nahe als möglich. So werden wir Zeug*innen ihrer Gedankenfluchten und -einlassungen, kommen dem Zeitgeist, seinen Schrecken und Gespenstern auf die Spur.
Zwei Französinnen sehr unterschiedlicher Intentionen und Motivationen – Beauvoir und Weil – leben ihre Extreme. Hannah Arendt sucht Rettung auf dem langen Weg ins Exil, findet die gedankliche Basis für ihre Totalitarismus Theorie. Und Ayn Rand formuliert, mehr literarisch als philosophisch grundiert, einen gänzlich anderen, provokanten Weg in einen unerbittlichen Individualismus. Diese vier Frauen, sie mögen unterschiedlicher nicht sein, gehen immer aufs Ganze, selbst den eigenen Tod mitdenkend.
Kein Buch der Philosophiegeschichte, keines der Gedankengebäude, keines, das staubtrocken daherkommt, sondern eine stilistisch animierende Abhandlung, die mitreißt und den Kopf frei macht für eigenes (Mit-)Denken.
Christian Schulz

Wolfram Eilenberger
„Feuer der Freiheit“

Die Rettung der Philosophie in finsteren Zeiten 1933-1943
400 Seiten
Klett Cotta Verlag
25,- Euro

Die Geschichte der Welt neu erzählt
Ewald Frie ist deutscher Historiker und erzählt von den Zusammenhängen unserer Welt. Er fächert die menschlichen Hintergründe auf, beginnend mit James Cooks Entdeckungen, erklärt uns zeitliche Zusammenhänge, angefangen von den ersten Menschen in Afrika, gelangt schließlich zum Zweiten Weltkrieg, UNO, Greenpeace und Global Community.
Frie sagt: „Unsere Geschichte ist ein chaotisch gewebter Teppich. Dieser Teppich wurde gewoben von Milliarden von Menschen, nicht nur Helden und Kriegsherren, die in die Geschichte eingegangen sind. Sondern von Menschen, wie wir alle. Durch unser Handeln, Reden und Denken wird dieser Teppich weitergewoben“.
Dies versucht uns Frie näher zu bringen, um die Welt, wie wir sie heute erleben, besser verstehen zu können. Deshalb ist dieses Buch nicht allein für die historisch Interessierten gedacht, sondern Historie ist unser aller Interesse, geht uns alle an. Durch die erzählende Form ist, wird der Stoff leicht zugänglich, wunderbar illustriert von Sophia Martineck und mit Karten versehen.
Jetzt neu als Sonderausgabe, die gebundene Ausgabe ist jedoch empfehlenswerter, da reichhaltiger illustriert und schöner ausgestattet.
Angelika Dauter

Ewald Frie
„Die Geschichte der Welt“

464 Seiten
C.H.Beck Verlag
Gebunden 28,- Euro
Taschenbuch 20,- Euro

Birma, 1887, Das Leben des Klavierstimmers Edgar Drake nimmt eine unerwartete Wendung.
Natürlich ist das auch ein erstklassiger Abenteuerroman vor exotischer Kulisse. Auch eine wundervolle zarte Liebesgeschichte. Und man erfährt mehr über Myanmar als aus jedem Reiseführer. Das wirklich Einzigartige und Faszinierende ist das offene Herz des Klavierstimmers Edgar Drake, der 1887 vom britischen Militär nach Birma geschickt wird um dort ein Klavier zu stimmen, das Anthony Carrol einem dort stationierten Militärarzt gehört. Edgar Drake erliegt der Schönheit und der Magie dieses fremden Landes, das anders ist als alle anderen. Grossartig mit welcher Hingabe er seinem Beruf nachgeht, während sich sein Leben für immer verändert. Herrlich und mit viel Wärme geschrieben, unwiderstehlich.
Klaus Schönfeld

Daniel Mason
„Der Klavierstimmer Ihrer Majestät“

398 Seiten
C.H. Beck Verlag
24,- Euro

Cromwells letzte Jahre.
Natürlich weiß man, dass Thomas Cromwell am Ende zum Tode verurteilt und hingerichtet wird. Seine Gewitztheit, sein Mut, seine Klugheit, seine Loyalität, nichts kann ihn retten, obwohl er des Königs engster Ratgeber ist. Henry VIII. lässt auch ihn hinrichten. Aber wie das geschrieben ist, ist schlichtweg atemberaubend. Da wird nicht erzählt, jetzt passiert das, dann passiert jenes - man ist immer mitten in der Handlung - es passiert jetzt, es wird nicht erzählt. Diese Gegenwärtigkeit und Direktheit ist ein grossartiges Leseerlebnis. Und was kann diese Autorin für Dialoge schreiben! Da wird es einem als Leser zuweilen schwindelig, einfach zum Niederknien. Obwohl die Autorin nicht die Ich-Form wählt, ist man Thomas Cromwell so nah wie, sonst noch nie in der Literatur. Dieser Band ist der dritte Teil der Tudor-Trilogie, unbedingt vorher die Bände eins „Wölfe" und zwei „Falken“ lesen.
Klaus Schönfeld

Hilary Mantel
„Spiegel und Licht“

1200 Seiten
DuMont Verlag
32,- Euro

Habsburgs größter Orientalist
Solch einen außergewöhnlichen historischen Roman hätte man dem Kabarettisten und Fernsehmoderator Dirk Stermann nicht zugetraut. Historisch bestens recherchiert und doch unterhaltsam erzählt der Autor von Freiherr Joseph von Hammer-Purgstall, der als Diplomat und Orientalist tiefen Einblick gewann in das osmanische Reich. Im 18. Jahrhundert, als Wien noch eine stinkende und kleingeistige Stadt war, faszinierte ihn die Kultur des Orients. Sein Leben war so abenteuerlich und doch geprägt von der Wissenschaft. Immerhin regte Purgstall Goethe zu seinem West-Östlichen Diwan an. Stermann gelingt es, die Zeit um Napoleon und Metternich im Wechsel mit den Geschehnissen im Morgenland lebendig werden zu lassen.
Thomas Mahr

Dirk Stermann
„Der Hammer“

448 Seiten
Rowohlt Verlag
24,- Euro

Über die Schatten des Krieges und die Liebe
Der Medizinstudent Lucius aus Wien, möchte sich als der Erste Weltkrieg ausbricht nützlich einsetzen für die Nation und meldet sich freiwillig zum Dienst an der Front.
Er landet in einem Behelfslazarett, das sich in einer alten Kirche im Norden Ungarns in den Karpaten befindet. Hier, so denkt er, kann er endlich sein erlerntes Wissen in die Praxis umsetzen.
Aber er hat keinen erfahrenen Arzt an seiner Seite, dieser hat sich nämlich aus dem Staub gemacht. Stattdessen steht ihm die junge Nonne Margarete mit Rat und Tat zur Seite. Lucius wird klar, wie wenig er doch auf diese Situation vorbereitet ist. Eines Tages wird ein Soldat eingeliefert, der körperlich völlig gesund ist, aber sein Inneres scheint schwer krank zu sein. Er nimmt sich diesem Patienten an, da ihn als Arzt das Gehirn und die Seele interessieren. Das verleitet ihn dann zu einen folgeschweren Fehler.
Charlotte Schuh

Daniel Mason
„Der Wintersoldat“

428 Seiten
C.H. Beck Verlag
24,- Euro

Vivaldi und Venedig
Den Musiker und Komponisten Vivaldi kennen wir alle – aber wussten Sie, dass Antontio Vivaldi eigentlich Pfarrer in Venedig war? Er war es nicht besonders gerne und Predigten halten war für ihn ein Graus. Viel lieber widmete er sich dem Mädchenchor des Waisenhauses. Den jungen Damen gab er Gesangsstunden, lehrte sie Instrumente spielen und für manche von Ihnen komponierte er sogar, genau auf ihr jeweiliges Talent zugeschnittene Musikstücke. Man könnte fast sagen, er gründete das erste Frauenorchester der Welt.
Peter Schneider, der selbst in einem Musikerhaushalt aufgewachsen ist, entführt uns mit seinem neuen und immens fesselnden Roman ins opulente Venedig des 17. Jahrhunderts und zeigt uns zugleich einen großen Musiker von einer ganz anderen Seite.
Nicole Deurer

Peter Schneider
„Vivaldi und seine Töchter“

288 Seiten
Kiepenheuer & Witsch Verlag
20,- Euro

Eine Frau in der Männerdomäne
Mileva Maric wuchs in einem ungewöhnlich fortschrittlichen Elternhaus auf. Ihr Vater erkannte früh ihr Talent und förderte sie. Er ließ sie das Abitur machen – sehr ungewöhnlich Ende des 19. Jahrhunderts – und ermöglichte es ihr dann Physik und Mathematik zu studieren. Auch hielt er nichts davon, dass sie ihr Talent an die, damals übliche, Rolle als Ehefrau und Mutter verschwenden sollte.
Marie Benedict erzählt fesselnd und kenntnisreich die Lebensgeschichte von Albert Einsteins erster Frau: von den Herausforderungen in diese Männerwelt einzudringen, davon wie Albert und Mileva sich kennen lernten, von ihrem Plan gemeinsam zu leben und zu forschen und darüber wie alles anders kam.
Nicole Deurer

Marie Benedict
„Frau Einstein“

368 Seiten
Kiepenheuer & Witsch Verlag
12,- Euro

Das Aufgebot der Unglücklichen: eine Wiederentdeckung!
Was für ein Verlust für die deutsche Literatur! Das meiner Meinung nach beste Buch des letzten Jahres war „Der Reisende“ von Ulrich Alexander Boschwitz gewesen; eine literarische Wiederentdeckung. Nun folgt sein eigentlicher Debutroman: „Menschen neben dem Leben“, 1937 in schwedischer Sprache erschienen. Boschwitz berichtet von Menschen in Berlin zu Beginn der 30er Jahre; sie befinden sich alle in unterschiedlichen Stadien des sozialen Abstiegs. Fundholz und sein nur auf Essen und Schlafen fixierter Begleiter Tönnchen; der gerissene Grissmann, der wenigstens noch Stütze bekommt und deshalb (noch) etwas höher auf der sozialen Leiter steht; dann der gefallene, ehemalige Gerichtsvollzieher Lindner und seine Tochter Minchen und schließlich der im Krieg erblindete Sonnenberg mit seiner Frau. Sie alle wollen vergessen und einen vermeintlich leichten, sorgenfreien Abend erleben, denn keiner muss hier mit „frisierter Schnauze“ sprechen. Der „Fröhliche Waidmann“ ist dafür scheinbar der geeignete Ort; Bier und Schnaps sind billig, man kann sich dem Tanzvergnügen hingeben, und im Hinterzimmer tagt der Ringverein der Zuhälter, getarnt als Gesangsverein „Liederkranz“. Doch dann wagt es Grissmann, sich an Elsi, die Frau des blinden Sonnenberg, heranzumachen. Und nun ändert sich alles an diesem einen Abend… Wer erfahren will, wie die „Goldenen Zwanziger“ und das angeblich rastlose Berlin wirklich waren, kommt an diesem wahrhaft großartigen Buch nicht vorbei!
Martin Schick

Ulrich Alexander Boschwitz
„Menschen neben dem Leben“

303 Seiten
Klett-Cotta Verlag
20,- Euro

Frankreich vor dem Krieg
Wenn man das neue Buch von Pierre Lemaitre liest, fühlt man sich an die vor 150 Jahren geschriebenen großen Gesellschaftsromanen von Flaubert und Zola erinnert. Wie war der Zustand unseres westlichen Nachbarlandes in der Zeit vor dem Beginn des Zweiten Weltkriegs. Habgier, Neid und Opportunismus bestimmten den Alltag, aber auch das politische Geschehen.
So ist es nicht verwunderlich, dass nach dem Tod des Gründers des großen Bankhauses Péricourt, der noch für die Werte des alten Frankreichs stand, das Gerangel und die Intrigen um das Erbe groß sind.
Die Alleinerbin und Tochter Madeleine wird sehr schnell um ihr Vermögen gebracht, doch sie weiß sich zu wehren. Lemaitre, der sich auch als Krimiautor einen Namen gemacht hat, versteht es Spannung in das Geschehen einzubauen.
Thomas Mahr

Pierre Lemaitre
„Die Farben des Feuers“

479 Seiten
Klett-Cotta Verlag
25,- Euro

Barbaren sind immer die anderen
Ein wundervoller, hinreißender und spannender Abenteuerroman. China, Mitte 19. Jahrhundert, Opiumkrieg, Bürgerkrieg, religiöser Fanatismus. Mittendrin ein deutscher Missionar, der um seine Liebe und seine Überzeugungen kämpft. Ein englischer Sonderbotschafter, der sich mehr und mehr die Frage stellt, wer hier die wirklichen Barbaren sind. Ein chinesischer General durch den der Leser ganz nebenbei tiefe Einblicke in Kultur und Ästhetik Chinas bekommt. Das alles großartig erzählt in einer Sprache, die man nur bewundern kann.
Klaus Schönfeld

Stephan Thome
„Gott der Barbaren “

719 Seiten
Suhrkamp
25,- Euro

Der Reisende
Der jüdische Kaufmann Otto Silbermann muss 1938 unmittelbar nach den grausigen Novemberpogromen aus Berlin fliehen. Er erlebt hautnah, wie sich alte Bekannte schlagartig von ihm abwenden und Geschäftemacher seine Notlage eiskalt ausnutzen. Eine Rückkehr in die eigenen vier Wände ist unmöglich; ein Aufenthalt im Hotel für ihn als Juden gefährlich, weil verboten. So begibt sich Silbermann, ausgestattet mit einer Aktentasche voll Geld, auf eine ziellose Fahrt mit der Reichsbahn kreuz und quer durch das Deutschland der Nazizeit.
Dieser lange vergessene, packende Roman erzählt von seinen Begegnungen in den Zügen, von alltäglichen Beobachtungen, aber auch den Demütigungen, die Silbermann erfahren muss. Mehrfach scheint Hoffnung auf eine Flucht aus Deutschland zu bestehen, doch diese wird sich als trügerisch erweisen. Boschwitz‘ Erzählung über seinen Protagonisten ist nicht nur zeitgeschichtlich sehr interessant – es ist ein großes, in atemberaubenden Tempo geschriebenes literarisches Meisterwerk.
Martin Schick

Ulrich A. Boschwitz
„Der Reisende“

Herausgegeben von Peter Graf
303 Seiten
Klett-Cotta Verlag
20,- Euro

Dandy, Dichter, Außenseiter
Klaus Modick setzt in seinem neuen Roman „Keyserlings Geheimnis“ dem Stimmungsmagier aus dem Baltikum ein Denkmal. Wer möchte nicht noch einmal mit dem Roman „Wellen“ an die malerische Ostsee zur Jahrhundertwende reisen?
In der Sommerfrische am Starnberger See treffen sich im Jahr 1901 Dichter, Künstler und Intellektuelle. Unter ihnen der Lebemann Eduard Keyserling. Der Maler Lovis Corinth wird den schwer von der Syphilis gezeichneten porträtieren. Während dieser Sitzungen versucht der Künstler beständig hinter die Skandalgeschichte zu kommen, die den baltischen Adligen zur Flucht in den Süden trieb. Da taucht plötzlich eine dem Dichter nicht unbekannte Sängerin auf. Kann sie Licht ins Dunkel bringen? Liebevoll, dezent ironisch und geistreich skizziert Modick seine Figuren und holt den Baltendeutschen Adeligen, der bisher nur als Geheimtipp galt, aus der Versenkung.
Angelika Mahr

Klaus Modick
„Keyserlings Geheimnis“

240 Seiten
Romanbiographie
Kiepenheuer & Witsch
20,- Euro

Die Dichter an der Macht
Ob denn die derzeitige bayrische CSU-Regierung überhaupt weiß, wie ihr weißblaues Bundesland zum Freistaat wurde? Ein jüdischer Kommunist, der dazu auch noch ein Preuße war, hat ihn 1918 ausgerufen, als für kurze Zeit die Dichter die Macht in Bayern übernahmen und eine Räterepublik etablierten. Der Spiegelautor Volker Weidermann erinnert mit seinem Buch „Träumer“ an jene Zeit, die wohl zu den spektakulärsten der bayerischen Geschichte zählt. Ohne zu analysieren oder gar zu werten, erzählt er dafür umso brillanter von den Ereignissen und Kuriositäten der ersten Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs.
Phantastisch muten heute die Ziele jener „Dichterpolitiker“ an, von direkter Demokratie, einem radikalen Pazifismus und unter anderem auch der Abschaffung des Zinses. Doch den Revolutionären blieb nur wenig Zeit, um auch nur annähernd etwas von ihren Plänen zu verwirklichen. Reichspräsident Ebert schickte die Freikorps, um, aus seiner Sicht, dem Spuk ein Ende zu bereiten.
Thomas Mahr

Volker Weidermann
„Träumer“

Als die Dichter die Macht übernahmen
288 Seiten
Kiepenheuer & Witsch
22,- Euro

Eine Geschichte der Kleinen Eiszeit
In Zeiten eines Klimawandels heute – kein Fake – von einer Zeit zu erzählen, die als kleine Eiszeit bekannt ist, scheint mehr als wichtig. Blom zeigt auf, wie fundamental sich Europa von 1570 bis 1700 veränderte, was es bedeutete, wenn das Korn am Halm verrottete, Bauern und Adel gleichermaßen Not litten und sich Thomas Hobbes’ Verdikt, dass der Mensch dem Menschen ein Wolf sei, bestätigte. Anhängig an diese umfassende Kälte stellte sich die Frage nach Gott dringlicher und krasser denn je zuvor. Was tun, das einem hier und im Jenseits diente? Da blieb die Moral gehörig auf der Strecke, ein Lob des Lasters schien an der Zeit. Der vielseitige Historiker Philipp Blom beweist einmal mehr sein empfindliches Gespür für die entscheidenden Spuren aus der Vergangenheit, denen mehr Aktualität zu eigen ist, als der erste Lese-Blick vermuten lässt.
Christian Schulz

Philipp Blom
„Die Welt aus den Angeln“

Roman
304 Seiten
Hanser
24,- Euro

Das blutige Erbe des Ersten Weltkriegs
Als hätte der Erste Weltkrieg bis zum 11. November 1918 nicht schon genügend Leid gebracht und Opfer gekostet, ist es gerade sein Erbe, das ein halbes Jahrzehnt länger einen hohen, bis heute im kollektiven Bewusstsein zu wenig beachteten Blutzoll kostete. Es war nur eine Illusion vom Frieden. Die Pariser Friedensverträge wiesen Millionen von Menschen gerade erst neu geschaffene Nationalstaaten und damit eine Vielzahl unlösbarer Aufgaben zu. Im ehemaligen Zarenreich tobte ein Bürgerkrieg. Gewalt, Hunger und Elend brachen sich ihre schreckliche Bahn. Der in Dublin lehrende Historiker Robert Gerwarth erzählt in harten Schnitten und auf der Basis neuester Literatur von dieser Welle der Kriege, die sich bis 1923 hinzog. Erschütternd, wie der Autor schier Unbeschreibliches in Worte fasst, nicht zuletzt die furchtbare Tragödie Smyrnas, die sich vor den Augen alliierter Kriegsschiffe vollzog.
Christian Schulz

Robert Gerwarth
„Die Besiegten“

Roman
480 Seiten
Siedler
29,99 Euro

Ein rebellisches Leben
- endlich ein Buch über die Kämpferin für Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit!
1848, in dieser bewegten Zeit, ist das Leben der Emma Herwegh angesiedelt, die in Männerkleidung, mit Pistolen bewaffnet und einem Dolch am Gürtel ihr Leben aufs Spiel setzte, gegen die Obrigkeit und für Frauenrechte stritt. Viele sind in diesem Buch, das ein europäisches Jahrhundert widerspiegelt, versammelt: Heinrich Heine, Richard Wagner, George Sand, Karl Marx, Michael Bakunin, Bettina von Arnim, Franz Liszt... In einer vielschichtigen Rückschau erzählt uns der Autor von dieser leidenschaftlichen Frau, deren Leben zwischen Revolution und einer komplizierten Liebesbeziehung zu ihrem Mann, dem berühmten Dichter Georg Herwegh, pendelte. Wir als Leser erfahren einen sehr persönlichen Zugang zur deutschen Revolution, die mit zur Gründungsgeschichte der Sozialdemokratie gehört. Die Geschichte einer Frau, die sich den Vorurteilen ihrer Zeit nicht beugt und immer für das Wichtigste in ihrem Leben kämpft: ihr unabänderlicher Wunsch nach Freiheit.
Angelika Mahr

Dirk Kurbjuweit
„Die Freiheit der Emma Herwegh“

Roman
336 Seiten
Hanser
23,- Euro

Zukunft jenseits der Heimat
Der Titel „Schlussstrich“ hat so etwas Endgültiges an sich. Ivan Ivanji hat mit seinen bald 90 Jahren noch einmal einen großartigen Roman vorgelegt. Der Altmeister (ex)jugoslawischer Literatur, einer der letzten Zeitzeugen als Ausschwitzüberlebender und Dolmetscher Titos, öffnet mit diesem Spätwerk ein Tableau von 150 Jahren Geschichte des Balkans. Eine Familiengeschichte, die aufzeigt, wie die Menschen unterdie Räder der Ideologien kommen, wie ein gelebtes Miteinander der Völker sich in eine Hölle verwandeln kann. Ein Roman über mehrere Generationen, bis hin zu Goran, dem Nachkriegskind, das den Zerfall Jugoslawiens miterleben muss.
Thomas Mahr

Ivan Ivanji
„Schlussstrich"

Roman 350 Seiten
Picus Verlag
24,00 Euro

Was ist der Mensch
Es scheint eine schlechte Marketingstrategie, ein Buch in seiner Negativität auszuleuchten und all das aufzulisten, was es NICHT ist. In ganz seltenen und daher kostbaren Fällen greift diese Logik jedoch nicht. Die Traurigen Tropen von Lévi-Strauss fühlen sich in keinem Genre der Literatur besonders wohl; dies macht gleich der erste Satz deutlich: „Ich verabscheue Reisen und Forschungsreisende.“ Und dennoch – oder gerade deshalb – macht Lévi-Strauss sich auf den Weg in den Mato Grosso, das Landesinnere Brasiliens. Auf den folgenden Seiten lesen wir eine detaillierte, intelligente und immer nachdenkliche Beschreibung der sozialen Realität der indigenen Bevölkerung zwischen 1935 und 1938. Das Buch, in der Retrospektive verfasst, verbindet diese ethnographischen Beobachtungen mit einem Blick, der die Gesamtheit des Mensch-Seins, unsere Conditio humana, auf schonungslose und zugleich zärtliche Weise betrachtet und reflektiert. Gerade weil er über den akademischen Duktus hinausgeht, das Hier und das Dort als Grundkonstante menschlicher Beziehungen betrachtet und die Anthropologie selbst kritisch hinterfragt, ist dieser Roman zeitlos, immer aktuell. Chopins Tristesse in Brasilien, die Schrift als Werkzeug der Unterdrückung, die Last, ein Häuptling zu sein, das Wechselspiel der Weltreligionen, all dies findet sich in diesem unglaublich unkonventionellen und bereichernden Text.
Eva-Maria Mahr

Claude Lévi-Strauss
„Traurige Tropen“

424 Seiten
Suhrkamp
19,-- Euro

Österreich besser verstehen
Österreich ist ein kleines Land mit einer ehedem großen Habsburger Geschichte. Manche Irritation der Gegenwart lässt sich damit vielleicht erklären. Wer dies besser verstehen und obendrein auch noch eine eindrucksvolle Familiengeschichte verfolgen will, dem kann man nur wärmstens die Lektüre von Ernst Lothars wieder entdecktem Roman „Der Engel mit der Posaune“ empfehlen. Die Chronik der Wiener Klavierbauerfamilie Alt ist die kakanische Variante der Buddenbrooks, die nicht so hanseatisch kühl reserviert, sondern mit viel Gefühl hinter die Kulissen der Wiener Wehmut blicken lässt. Aber wer will, kann sich auch nur auf die Liebesgeschichte einer Frau einlassen, der es nicht gelingt, das Korsett der Konventionen zu überwinden, die zwischen bürgerlicher Ehe und der Liebschaft mit dem Kronprinzen Rudolf hin und her wankt. Ernst Lothar hat 1946 einen Roman geschrieben, der in bester Manier Joseph Roths einen Abgesang auf die Donaumonarchie in allen Facetten bedeutet.
Thomas Mahr

Ernst Lothar
„Der Engel mit der Posaune“

544 Seiten
Zsolnay Verlag
26,-- Euro

Endlich wieder lieferbar …
Ein Buch für die Insel, ein historischer Roman der Authentizität, der genaue geschichtliche Recherche mit Spannung und sprachlicher Güte zu verbinden weiß; das ist Drago Jancars Buch „Der Galeerensträfling“. Der Roman führt uns zurück in das von Unterjochung und Knechtschaft geprägte 17. Jahrhundert. Mit Johann Ott hat Jancar einen Helden gefunden, der in Fänge der Inquisition gerät, als Galeerensträfling am Tiefpunkt der menschlichen Existenz ankommt und am Schluss seiner endlosen Lebensreise der Pest zu entkommen sucht. Ott stammt zwar aus dem deutschen Kaiserreich, wird aber zur Symbolfigur eines Zeitalters in dem ein Einzelner nichts zu zählen scheint und ein Mensch, der auf seine Individualität pocht von der Macht des Bösen aufgerieben wird. Dadurch wird dieser historische Roman zum Spiegelbild der Gegenwart. Jancar schrieb dieses Buch im Gefängnis, da er durch sein Verständnis von Freiheit mit Titos Regime in Konflikt geriet.
Thomas Mahr

Drago Jancar
„Der Galeerensträfling“

344 Seiten
Folio Verlag
19,90 Euro

Die Deutschen sind gute Leute
„Die Deutschen ähneln Elefanten. Auf den ersten Blick wirken sie grob und wild, doch sobald man sie gestreichelt hat und ihnen schmeichelt, werden sie sanftmütig. Dann braucht man nur noch die Hand auf ihren Rüssel zu legen, und sie lassen einen willig auf ihren Rücken klettern“. So beschreibt der französische Philosoph und Rechtsgelehrte Montesquieu satirisch seine Erfahrungen auf einer Reise, die ihn vom Oktober 1728 bis 1729 durch Deutschland führte. Der bisher in Deutschland unveröffentlichte Reisebericht schildert Land und Leute im Zeitalter des Barocks und der Aufklärung. Es ist noch heute ein Genuss zu lesen, wie satirisch und humorvoll der große Philosoph auf die Deutschen blickte. Dabei wechseln sich politische und kulturelle Betrachtungen immer wieder mit dem Blick auf die Alltagswelt ab. Einen besonderen regionalen Reiz hat das Buch, da Montesquieu über Günzburg und Elchingen nach Westerstetten reiste und dort sogar nächtigte.
Thomas Mahr

Charles-Louis de Montesquieu
„Meine Reisen in Deutschland 1728-1729“

216 Seiten
Klett-Cotta Verlag
22,-- Euro

Vom „Schandfleck“ zum Nationalepos
Zu Lebzeiten hatte Aleksis Kivi (1834- 1872) nicht mehr das Glück, seinen Erfolg des ersten in finnischer Sprache geschriebenen Romans genießen zu können. Damals zerriss die noch schwedischsprachige Kritik den Roman von den „Sieben Brüdern“. Das einfache Leben der Bauern, die Derbheit und die Ursprünglichkeit der Menschen, anfänglich verschmäht, ließ das Buch zum Nationalepos werden. Heute kennt in Finnland jedes Kind die Abenteuer der sieben Bauernsöhne und der eine oder andere Satz des Romans ist sprichwörtlich in den Sprachschatz übergegangen. Die Brüder, alle mit einem ganz besonderen Charakter ausgezeichnet, verlassen nach dem Tod der Eltern den heruntergekommenen Hof und ziehen in die Wälder. Dort bewähren Sie sich als Jäger und überstehen alle Gefahren. Raufhändel und manch großes Besäufnis wechseln mit lebensklugen Gesprächen und der Mühsal, endlich den Katechismus lesen zu lernen. Letztendlich aber kehren die Brüder in die Zivilisation zurück. Gisbert Jänicke hat den Roman brillant übersetzt, sodass der deutsche Leser feststellen kann, welch literarisches Meisterstück dieses Werk noch heute ist.
Thomas Mahr

Aleksis Kivi
„Sieben Brüder“

438 Seiten
Jung und Jung
29,90 Euro

Die Schüsse von Sarajevo
In der damaligen Tschechoslowakei lebte eine ganze Reihe deutschsprachiger Schriftsteller, die kurze Zeit später wegen des Krieges fliehen mussten und danach leider in Vergessenheit gerieten. Ludwig Winder zählt zu diesen Autoren, der mit seinem Roman „Der Thronfolger“ einen großartigen historischen Roman geschrieben hat. Als das Buch 1937 erschien wurde es sofort verboten. Diese Lebensgeschichte des Habsburger Thronfolgers Franz Ferdinand ist zugleich ein Abgesang auf die Donaumonarchie, die auch durch einen Wechsel auf dem Thron nicht mehr zu retten gewesen wäre. Der Roman zeigt nicht nur den in sich gespaltenen Charakter Franz Ferdinands, sondern zeichnet einen sehr genauen Zustandsbericht der „taumelnden“ Donaumonarchie. Ähnlich wie Joseph Roth sieht Winder die Sprengkraft der nationalen Unabhängigkeitsbewegungen, die mit den Schüssen von Sarajevo ihren ersten Höhepunkt finden.
Thomas Mahr

Ludwig Winder
„Der Thronfolger“

576 Seiten
Zsolnay Verlag
26,-- Euro

Cäsars Druide
Unter diesem Titel wurde das Buch von dem Schweizer Autor Claude Cueni zum Bestseller. Endlich hat der kleine aber feine Lenos-Verlag ein Einsehen gehabt und das unter Kennern des historischen Romans geschätzte und längst vergriffene Buch mit dem neuen Titel „Das Gold der Kelten“ wieder aufgelegt. Man merkt dem Buch sofort an, dass der Autor gründlich recherchiert hat und dabei den Leser in die Zeit der großen Auseinandersetzung Roms mit dem Reich der Gallier versetzt. Auf seiner Flucht trifft ein junger Druidenlehrling auf den römischen Herrscher und wird dessen Schreiber. Doch als der Gallier erkennt, dass Cäsar einen goldgierigen Raubzug gegen sein Volk führt, werden sie zu erbitterten Rivalen. Der römische Feldherr braucht das Gold der Kelten um seine politischen Ziele zu verwirklichen. Der Roman ist nicht nur spannend erzählt und voll von Abenteuern, er zeichnet auch ein Sittengemälde der römischen Antike.
Anna Kalmbach

Claude Cueni
„Friedhof der Unschuldigen“

380 Seiten
Zsolnay Verlag
21,90 Euro

Eintauchen in die Geschichte
Ach, wie hart ist es für mich als studierter Historiker immer wieder ganz furchtbare historische Romane in die Hand nehmen zu müssen (von Wanderhuren und Hebammen), die so schlecht geschrieben sind und dann auch noch geschichtlich ein grottenfalsches Bild vermitteln. Da ist man doch richtig dankbar, wenn ein wirklich spannend geschriebener Roman auf den Buchmarkt kommt, der auch historisch korrekt seine beschriebene Zeit einfängt. Seit Patrick Süskinds Parfüm habe ich keinen so guten Roman gelesen, der die Zeit kurz vor der Französischen Revolution einfängt. 1785 bekommt ein junger Ingenieur aus der Provinz vom Königshaus in Versailles den Auftrag, den alten Friedhof mitten in Paris aufzulösen, da er bis zum Himmel stinkt. Jean-Baptiste Baratte kommt in das Herz der Altstadt, wird aber nicht mit offenen Armen empfangen. Nicht nur seine neue Umgebung, die Straße und Häuser sind morbid und baufällig, die ganze Gesellschaft, das Ancien Régime steht vor einem Abgrund und man spürt eine neue Zeit heraufziehen. Der Roman bietet ein Wechselspiel an Mystik und Magie des Vergangen mit dem aufgeklärten Wissen einer Zukunft die sich nicht aufhalten lässt. Ja, und natürlich kommt auch die Liebe nicht zu kurz…
Anna Kalmbach

Andrew Miller
„Friedhof der Unschuldigen“

380 Seiten
Zsolnay Verlag
21,90 Euro

Preußische Exoten
Wahrlich ein Stoff der förmlich nach einem Roman schreit. Die Pfaueninsel auf der Havel unweit von Potsdam gehört zum Weltkulturerbe. Vor rund 200 Jahren lebte dort als Teil des Hofstaats die kleinwüchsige Marie. Sie wird zur Hauptgestalt in Thomas Hettches Roman „Pfaueninsel“. Die Preußenkönige verwirklichten auf der Insel ihren Traum von Exotik. Zu der Landschafarchitektur mit Palmengarten und Menagerien, die die Tropen auf die Insel holen sollten, gesellten sich exotische Menschen und Tiere. Natürlich musste auf dieser Insel auch ein Schloss stehen. Dem Vater Friedrich Wilhelm II diente es zur Lust mit seiner Mätresse, der königliche Sohn hielt sich eine Generation später mit seiner Familie auf. Doch bald begann die Pracht der Insel zu verwelken und der Traum von einem Leben im Einklang mit der Natur geriet in Vergessenheit. Nur Marie blieb auf der Insel und wird so zur Chronistin von Thomas Hettche, der mit ihr und seinem Roman der Insel ein kleines Denkmal gesetzt hat.
Anna Kalmbach

Thomas Hettche
„Pfaueninsel“

344 Seiten
Verlag Kiepenheuer & Witch
19,99 Euro