Sachbücher

Fünf Journalistinnen mischen sich ein
Es ist ja nicht so, dass wir gelähmt wie die Maus vor der Schlange, die da heißt Rechtspopulismus, sitzen und warten, was da auf uns zukommt. Besonders erfreulich ist es, dass vor allem junge Menschen sich wieder auf die Politik besinnen und sehen, dass unsere freiheitliche Demokratie nicht selbstverständlich ist. Gut, dass der Kunstmann Verlag fünf Journalistinnen gewonnen hat, die mit ihren in einem Buch gesammelten Beiträgen versuchen, Antworten zu finden auf die drängenden Fragen der Zeit. Die Texte beschränken sich aber nicht auf einer Analyse der Gegenwart, sie gehen weiter und sind Anregung, sich als Bürger bei den demokratischen Entscheidungsprozessen einzumischen. Verantwortung als Staatsbürger zu übernehmen verlangt ein fundiertes Urteil - jenseits der wütenden Frustration und den allgegenwärtigen Fake News.
Thomas Mahr

Was tun
- Demokratie versteht sich nicht von selbst

112 Seiten
Verlag Antje Kunstmann
10.- Euro

Im Hier und Jetzt
Im Silicon Valley ist ein neuer Megatrend im Kommen. Ausgerechnet dort, wo der Siegeszug des Digitalen gepredigt wurde, hält jetzt das Analoge Einzug. Und der Autor, der uns dies erzählt, ist nicht etwa ein in die Jahre gekommener Nostalgiker, nein, der in Toronto geborene Journalist David Sax hat die 40 noch nicht überschritten. Ganz zärtlich die Nadel auf die Platte legen, um ein Jazzalbum zu hören, stundenlang in einer Buchhandlung zu stöbern, um dann auf die Empfehlung des Buchhändlers einen unbekannten aber großartigen Roman zu entdecken. Nur zwei Beispiele, wie Sax das Loblied auf das Analoge anstimmt, um das zur Ruhekommen, das sich Bewusstwerden nicht zu vergessen, wenn das Smartphone mal zu Hause bleibt. Sax erzählt im wohltuenden Plauderton und resümiert, wie sich in der digitalen Welt das Analoge seinen Platz zurückerobert. Für ihn schließt das eine das andere nicht aus.
Thomas Mahr

David Sax
„Die Rache des Analogen“

Warum wir uns nach realen Dingen sehnen
316 Seiten
Residenz Verlag
24.- Euro


Einblick in den Islam
Der Kulturwissenschaftler Gerhard Schweizer wirbt mit seinen beiden Büchern für ein besseres Verständnis des Islam. Er leugnet nicht den tiefgreifenden Konflikt zwischen Orient und westlicher Welt. Doch zeigt er auch, wieviel die beiden Kulturen verbindet und dass im Mittelalter das Osmanische Reich an Toleranz und Fortschrittlichkeit dem damaligen Europa um einiges voraus war. Woher kommt aber dieser islamistische Fundamentalismus in seiner Radikalität und seinem Feindbild der westlichen Demokratien? Natürlich liegt die Problematik in der inneren Zerrissenheit und Spaltung der islamischen Völker begründet. Doch kommt auch der Anteil Amerikas und Europas an diesen Konflikten zur Sprache. Das Buch über den Islam ist ein wichtiger Beitrag, um in der emotional geführten Diskussion der Vernunft wieder mehr Raum zu verschaffen. Der derzeitige Kulminationspunkt der Konflikte in der islamischen Welt ist Syrien. Auch hier erklärt Schweizer sehr genau die historischen Hintergründe, indem er auf das Land blickt, das wie kein anderes im Orient von den verschiedensten kulturellen Einflüssen durchzogen ist. Wie die Jahresringe eines Baumes lassen sich in der syrischen Geschichte die Wechsel der verschiedensten Machthaber herauslesen.
Thomas Mahr

Gerhard Schweizer
„Islam verstehen“

Geschichte, Kultur und Politik
610 Seiten
Klett-Cotta Verlag
9.95 Euro


Gerhard Schweizer
„Syrien verstehen“

Geschichte, Kultur und Politik
519 Seiten
Klett-Cotta Verlag
9.95 Euro

Jute statt Plastik
Seit dem 1. April 2016 sind Plastiktüten im Einzelhandel kostenpflichtig. Die Tüten, die wir innerhalb des ersten Monats ausgegeben haben lassen sich zwar nicht an einer, aber immerhin an zwei Händen abzählen und statt Ärger gab es jede Menge gute Gespräche mit Kunden. Völlig auf Plastik zu verzichten schaffen wohl nur die Wenigsten von uns, aber ein bewussterer Umgang mit dieser wertvollen Ressource tut wahrlich Not. Anneliese Bunk und Nadine Schubert liefern mit ihrem Ratgeber viele Tipps und Tricks, um Plastik im Alltag zu vermeiden; nicht nur beim großen Thema Einkaufen, auch bei Pflege- und Reinigungsprodukten, die es ja häufig nicht unverpackt gibt, lässt sich einiges an Verpackung einsparen, ganz einfach, indem man selbst tätig wird – die Rezepte in diesem Buch machen es möglich!
Anna Kalmbach

Anneliese Bunk und Nadine Schubert
„Besser leben ohne Plastik“

Tipps und Rezepte, die zeigen, wie es anders geht
108 Seiten
Oekom
12.95 Euro

Insektenliebe
Mit seinem Buch über die Hummel hat der englische Naturschützer und Biologe Dave Goulson überraschend viele Leser gewonnen. Jetzt hat er sein Forschungsgebiet auf die gesamte Insektenwelt ausgedehnt. Sicherlich stand ihm da der Naturforscher Jean Henri Fabre ein wenig Pate, der vor mehr als 100 Jahren die Beobachtung der Insekten zu seiner Lebensaufgabe gemacht hat. Wie sein Vorbild lebt der englische Entomologe auch in Südfrankreich, dem idealen Terrain für diese Forschung. Mit leidenschaftlicher Ausdauer und wissenschaftlicher Akribie, doch in einem wunderbaren Plauderton und nicht ohne britischen Humor, bringt er uns das Leben der Insekten näher. So zum Beispiel das Liebesleben der Libellen, die manchmal tagelang aneinander hängend beim Fortpflanzungsakt durch die Lüfte fliegen; oder von der Gottesanbeterin, die bei Erledigung jener Tätigkeit den Begatter verspeist. Am Ende des Buches wird das Thema ernster; er thematisiert das Artensterben. Er kritisiert den weltweiten Einsatz von Pestiziden und die zunehmende Monokultur, die mit modernster Agrartechnik allem, was kreucht und fleucht, den Garaus macht.
Thomas Mahr

Dave Goulson
„Wenn der Nagekäfer zweimal klopft“

Das geheime Leben der Insekten
320 Seiten
Hanser Verlag
21.90 Euro

Von den Pflanzen lernen
Der Biologe Stefano Mancuso und der Gründer von Slow Food Carlo Petrini haben auf gerade mal 100 Seiten ein grandioses Buch über den guten Geschmack geschrieben. Mit ihrem Gespräch bringen sie die Kritik an der Agrarwirtschaft und der industriellen Lebensmittelproduktion auf den Punkt. Köche und Bauern müssen sich zusammentun und mit einer nachhaltigen Landwirtschaft dem Wahnsinn der Überproduktion Einhalt gebieten, denn 40 Prozent unserer Lebensmittel landen im Müll. Für die beiden Autoren ist das ständige Wachstum nicht die Lösung für den Hunger auf der Welt. Im Gegenteil - in Asien werden wertvolle Ackerflächen vernichtet, um dort in antibiotikaverseuchten Wasserbecken Garnelen zu züchten, damit diese möglichst billig in den Kühltruhen europäischer Supermärkte landen. So wurde aus etwas Exklusivem ein Massenprodukt. Die beiden Italiener lamentieren aber in ihrem Buch nicht nur, sie erzählen geistreich von der Pflanzenwelt und was wir von ihr lernen können. Einiges aus diesem Buch zu Herzen genommen kann nicht nur uns, sondern auch die Welt zum Besseren verändern.
Thomas Mahr

Stefano Mancuso, Carlo Petrini
„Die Wurzeln des guten Geschmacks“

Warum sich Köche und Bauern verbünden müssen
112 Seiten
Verlag Antje Kunstmann
10.-- Euro

Zwischen Landflucht und Landlust
Wie kommt es, dass auf der einen Seite das Landleben solch eine Hochkonjunktur erlebt (was schon allein die Fülle und der Erfolg diverser Zeitschriften zeigt) aber andererseits auch bei uns im Land, in der Eifel oder im Osten Deutschlands, Dörfer sterben? Gerhard Henkel, Professor für Geographie und der „Dorfforscher“, hat mit seinem Buch über diesen Widerspruch nachgedacht. Er ergreift in seinem umfangreichen und reich bebilderten Werk eindeutig Partei für das Dorf, ohne es dabei zu verklären oder gar die Schattenseiten auszublenden. In aller Ausführlichkeit taucht er ein in die Geschichte dieser Siedlungsform, von der Frühzeit bis heute, und würdigt dabei den Beitrag der Kultur des Landlebens in der europäischen Geschichte. In der Gegenwart angekommen, kritisiert der Autor die Gebietsreform, die mit der Schaffung zentraler Orte manchen Dörfern das lokale Selbstverständnis, ja die Seele, genommen hat.
Thomas Mahr

Gerhard Henkel
„Das Dorf“

Landleben in Deutschland – Gestern und Heute
344 Seiten
Theiss Verlag
24.95 Euro