Geschichte und Historische Romane

Eine Geschichte der Kleinen Eiszeit
In Zeiten eines Klimawandels heute – kein Fake – von einer Zeit zu erzählen, die als kleine Eiszeit bekannt ist, scheint mehr als wichtig. Blom zeigt auf, wie fundamental sich Europa von 1570 bis 1700 veränderte, was es bedeutete, wenn das Korn am Halm verrottete, Bauern und Adel gleichermaßen Not litten und sich Thomas Hobbes’ Verdikt, dass der Mensch dem Menschen ein Wolf sei, bestätigte. Anhängig an diese umfassende Kälte stellte sich die Frage nach Gott dringlicher und krasser denn je zuvor. Was tun, das einem hier und im Jenseits diente? Da blieb die Moral gehörig auf der Strecke, ein Lob des Lasters schien an der Zeit. Der vielseitige Historiker Philipp Blom beweist einmal mehr sein empfindliches Gespür für die entscheidenden Spuren aus der Vergangenheit, denen mehr Aktualität zu eigen ist, als der erste Lese-Blick vermuten lässt.
Christian Schulz

Philipp Blom
„Die Welt aus den Angeln“

Roman
304 Seiten
Hanser
24,- Euro

Das blutige Erbe des Ersten Weltkriegs
Als hätte der Erste Weltkrieg bis zum 11. November 1918 nicht schon genügend Leid gebracht und Opfer gekostet, ist es gerade sein Erbe, das ein halbes Jahrzehnt länger einen hohen, bis heute im kollektiven Bewusstsein zu wenig beachteten Blutzoll kostete. Es war nur eine Illusion vom Frieden. Die Pariser Friedensverträge wiesen Millionen von Menschen gerade erst neu geschaffene Nationalstaaten und damit eine Vielzahl unlösbarer Aufgaben zu. Im ehemaligen Zarenreich tobte ein Bürgerkrieg. Gewalt, Hunger und Elend brachen sich ihre schreckliche Bahn. Der in Dublin lehrende Historiker Robert Gerwarth erzählt in harten Schnitten und auf der Basis neuester Literatur von dieser Welle der Kriege, die sich bis 1923 hinzog. Erschütternd, wie der Autor schier Unbeschreibliches in Worte fasst, nicht zuletzt die furchtbare Tragödie Smyrnas, die sich vor den Augen alliierter Kriegsschiffe vollzog.
Christian Schulz

Robert Gerwarth
„Die Besiegten“

Roman
480 Seiten
Siedler
29,99 Euro

Ein rebellisches Leben
- endlich ein Buch über die Kämpferin für Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit!
1848, in dieser bewegten Zeit, ist das Leben der Emma Herwegh angesiedelt, die in Männerkleidung, mit Pistolen bewaffnet und einem Dolch am Gürtel ihr Leben aufs Spiel setzte, gegen die Obrigkeit und für Frauenrechte stritt. Viele sind in diesem Buch, das ein europäisches Jahrhundert widerspiegelt, versammelt: Heinrich Heine, Richard Wagner, George Sand, Karl Marx, Michael Bakunin, Bettina von Arnim, Franz Liszt... In einer vielschichtigen Rückschau erzählt uns der Autor von dieser leidenschaftlichen Frau, deren Leben zwischen Revolution und einer komplizierten Liebesbeziehung zu ihrem Mann, dem berühmten Dichter Georg Herwegh, pendelte. Wir als Leser erfahren einen sehr persönlichen Zugang zur deutschen Revolution, die mit zur Gründungsgeschichte der Sozialdemokratie gehört. Die Geschichte einer Frau, die sich den Vorurteilen ihrer Zeit nicht beugt und immer für das Wichtigste in ihrem Leben kämpft: ihr unabänderlicher Wunsch nach Freiheit.
Angelika Mahr

Dirk Kurbjuweit
„Die Freiheit der Emma Herwegh“

Roman
336 Seiten
Hanser
23,- Euro

Zukunft jenseits der Heimat
Der Titel „Schlussstrich“ hat so etwas Endgültiges an sich. Ivan Ivanji hat mit seinen bald 90 Jahren noch einmal einen großartigen Roman vorgelegt. Der Altmeister (ex)jugoslawischer Literatur, einer der letzten Zeitzeugen als Ausschwitzüberlebender und Dolmetscher Titos, öffnet mit diesem Spätwerk ein Tableau von 150 Jahren Geschichte des Balkans. Eine Familiengeschichte, die aufzeigt, wie die Menschen unterdie Räder der Ideologien kommen, wie ein gelebtes Miteinander der Völker sich in eine Hölle verwandeln kann. Ein Roman über mehrere Generationen, bis hin zu Goran, dem Nachkriegskind, das den Zerfall Jugoslawiens miterleben muss.
Thomas Mahr

Ivan Ivanji
„Schlussstrich"

Roman 350 Seiten
Picus Verlag
24,00 Euro

Was ist der Mensch
Es scheint eine schlechte Marketingstrategie, ein Buch in seiner Negativität auszuleuchten und all das aufzulisten, was es NICHT ist. In ganz seltenen und daher kostbaren Fällen greift diese Logik jedoch nicht. Die Traurigen Tropen von Lévi-Strauss fühlen sich in keinem Genre der Literatur besonders wohl; dies macht gleich der erste Satz deutlich: „Ich verabscheue Reisen und Forschungsreisende.“ Und dennoch – oder gerade deshalb – macht Lévi-Strauss sich auf den Weg in den Mato Grosso, das Landesinnere Brasiliens. Auf den folgenden Seiten lesen wir eine detaillierte, intelligente und immer nachdenkliche Beschreibung der sozialen Realität der indigenen Bevölkerung zwischen 1935 und 1938. Das Buch, in der Retrospektive verfasst, verbindet diese ethnographischen Beobachtungen mit einem Blick, der die Gesamtheit des Mensch-Seins, unsere Conditio humana, auf schonungslose und zugleich zärtliche Weise betrachtet und reflektiert. Gerade weil er über den akademischen Duktus hinausgeht, das Hier und das Dort als Grundkonstante menschlicher Beziehungen betrachtet und die Anthropologie selbst kritisch hinterfragt, ist dieser Roman zeitlos, immer aktuell. Chopins Tristesse in Brasilien, die Schrift als Werkzeug der Unterdrückung, die Last, ein Häuptling zu sein, das Wechselspiel der Weltreligionen, all dies findet sich in diesem unglaublich unkonventionellen und bereichernden Text.
Eva-Maria Mahr

Claude Lévi-Strauss
„Traurige Tropen“

424 Seiten
Suhrkamp
19,-- Euro

Österreich besser verstehen
Österreich ist ein kleines Land mit einer ehedem großen Habsburger Geschichte. Manche Irritation der Gegenwart lässt sich damit vielleicht erklären. Wer dies besser verstehen und obendrein auch noch eine eindrucksvolle Familiengeschichte verfolgen will, dem kann man nur wärmstens die Lektüre von Ernst Lothars wieder entdecktem Roman „Der Engel mit der Posaune“ empfehlen. Die Chronik der Wiener Klavierbauerfamilie Alt ist die kakanische Variante der Buddenbrooks, die nicht so hanseatisch kühl reserviert, sondern mit viel Gefühl hinter die Kulissen der Wiener Wehmut blicken lässt. Aber wer will, kann sich auch nur auf die Liebesgeschichte einer Frau einlassen, der es nicht gelingt, das Korsett der Konventionen zu überwinden, die zwischen bürgerlicher Ehe und der Liebschaft mit dem Kronprinzen Rudolf hin und her wankt. Ernst Lothar hat 1946 einen Roman geschrieben, der in bester Manier Joseph Roths einen Abgesang auf die Donaumonarchie in allen Facetten bedeutet.
Thomas Mahr

Ernst Lothar
„Der Engel mit der Posaune“

544 Seiten
Zsolnay Verlag
26,-- Euro

Endlich wieder lieferbar …
Ein Buch für die Insel, ein historischer Roman der Authentizität, der genaue geschichtliche Recherche mit Spannung und sprachlicher Güte zu verbinden weiß; das ist Drago Jancars Buch „Der Galeerensträfling“. Der Roman führt uns zurück in das von Unterjochung und Knechtschaft geprägte 17. Jahrhundert. Mit Johann Ott hat Jancar einen Helden gefunden, der in Fänge der Inquisition gerät, als Galeerensträfling am Tiefpunkt der menschlichen Existenz ankommt und am Schluss seiner endlosen Lebensreise der Pest zu entkommen sucht. Ott stammt zwar aus dem deutschen Kaiserreich, wird aber zur Symbolfigur eines Zeitalters in dem ein Einzelner nichts zu zählen scheint und ein Mensch, der auf seine Individualität pocht von der Macht des Bösen aufgerieben wird. Dadurch wird dieser historische Roman zum Spiegelbild der Gegenwart. Jancar schrieb dieses Buch im Gefängnis, da er durch sein Verständnis von Freiheit mit Titos Regime in Konflikt geriet.
Thomas Mahr

Drago Jancar
„Der Galeerensträfling“

344 Seiten
Folio Verlag
19,90 Euro

Die Deutschen sind gute Leute
„Die Deutschen ähneln Elefanten. Auf den ersten Blick wirken sie grob und wild, doch sobald man sie gestreichelt hat und ihnen schmeichelt, werden sie sanftmütig. Dann braucht man nur noch die Hand auf ihren Rüssel zu legen, und sie lassen einen willig auf ihren Rücken klettern“. So beschreibt der französische Philosoph und Rechtsgelehrte Montesquieu satirisch seine Erfahrungen auf einer Reise, die ihn vom Oktober 1728 bis 1729 durch Deutschland führte. Der bisher in Deutschland unveröffentlichte Reisebericht schildert Land und Leute im Zeitalter des Barocks und der Aufklärung. Es ist noch heute ein Genuss zu lesen, wie satirisch und humorvoll der große Philosoph auf die Deutschen blickte. Dabei wechseln sich politische und kulturelle Betrachtungen immer wieder mit dem Blick auf die Alltagswelt ab. Einen besonderen regionalen Reiz hat das Buch, da Montesquieu über Günzburg und Elchingen nach Westerstetten reiste und dort sogar nächtigte.
Thomas Mahr

Charles-Louis de Montesquieu
„Meine Reisen in Deutschland 1728-1729“

216 Seiten
Klett-Cotta Verlag
22,-- Euro

Vom „Schandfleck“ zum Nationalepos
Zu Lebzeiten hatte Aleksis Kivi (1834- 1872) nicht mehr das Glück, seinen Erfolg des ersten in finnischer Sprache geschriebenen Romans genießen zu können. Damals zerriss die noch schwedischsprachige Kritik den Roman von den „Sieben Brüdern“. Das einfache Leben der Bauern, die Derbheit und die Ursprünglichkeit der Menschen, anfänglich verschmäht, ließ das Buch zum Nationalepos werden. Heute kennt in Finnland jedes Kind die Abenteuer der sieben Bauernsöhne und der eine oder andere Satz des Romans ist sprichwörtlich in den Sprachschatz übergegangen. Die Brüder, alle mit einem ganz besonderen Charakter ausgezeichnet, verlassen nach dem Tod der Eltern den heruntergekommenen Hof und ziehen in die Wälder. Dort bewähren Sie sich als Jäger und überstehen alle Gefahren. Raufhändel und manch großes Besäufnis wechseln mit lebensklugen Gesprächen und der Mühsal, endlich den Katechismus lesen zu lernen. Letztendlich aber kehren die Brüder in die Zivilisation zurück. Gisbert Jänicke hat den Roman brillant übersetzt, sodass der deutsche Leser feststellen kann, welch literarisches Meisterstück dieses Werk noch heute ist.
Thomas Mahr

Aleksis Kivi
„Sieben Brüder“

438 Seiten
Jung und Jung
29,90 Euro

Die Schüsse von Sarajevo
In der damaligen Tschechoslowakei lebte eine ganze Reihe deutschsprachiger Schriftsteller, die kurze Zeit später wegen des Krieges fliehen mussten und danach leider in Vergessenheit gerieten. Ludwig Winder zählt zu diesen Autoren, der mit seinem Roman „Der Thronfolger“ einen großartigen historischen Roman geschrieben hat. Als das Buch 1937 erschien wurde es sofort verboten. Diese Lebensgeschichte des Habsburger Thronfolgers Franz Ferdinand ist zugleich ein Abgesang auf die Donaumonarchie, die auch durch einen Wechsel auf dem Thron nicht mehr zu retten gewesen wäre. Der Roman zeigt nicht nur den in sich gespaltenen Charakter Franz Ferdinands, sondern zeichnet einen sehr genauen Zustandsbericht der „taumelnden“ Donaumonarchie. Ähnlich wie Joseph Roth sieht Winder die Sprengkraft der nationalen Unabhängigkeitsbewegungen, die mit den Schüssen von Sarajevo ihren ersten Höhepunkt finden.
Thomas Mahr

Ludwig Winder
„Der Thronfolger“

576 Seiten
Zsolnay Verlag
26,-- Euro

Cäsars Druide
Unter diesem Titel wurde das Buch von dem Schweizer Autor Claude Cueni zum Bestseller. Endlich hat der kleine aber feine Lenos-Verlag ein Einsehen gehabt und das unter Kennern des historischen Romans geschätzte und längst vergriffene Buch mit dem neuen Titel „Das Gold der Kelten“ wieder aufgelegt. Man merkt dem Buch sofort an, dass der Autor gründlich recherchiert hat und dabei den Leser in die Zeit der großen Auseinandersetzung Roms mit dem Reich der Gallier versetzt. Auf seiner Flucht trifft ein junger Druidenlehrling auf den römischen Herrscher und wird dessen Schreiber. Doch als der Gallier erkennt, dass Cäsar einen goldgierigen Raubzug gegen sein Volk führt, werden sie zu erbitterten Rivalen. Der römische Feldherr braucht das Gold der Kelten um seine politischen Ziele zu verwirklichen. Der Roman ist nicht nur spannend erzählt und voll von Abenteuern, er zeichnet auch ein Sittengemälde der römischen Antike.
Anna Kalmbach

Claude Cueni
„Friedhof der Unschuldigen“

380 Seiten
Zsolnay Verlag
21,90 Euro

Eintauchen in die Geschichte
Ach, wie hart ist es für mich als studierter Historiker immer wieder ganz furchtbare historische Romane in die Hand nehmen zu müssen (von Wanderhuren und Hebammen), die so schlecht geschrieben sind und dann auch noch geschichtlich ein grottenfalsches Bild vermitteln. Da ist man doch richtig dankbar, wenn ein wirklich spannend geschriebener Roman auf den Buchmarkt kommt, der auch historisch korrekt seine beschriebene Zeit einfängt. Seit Patrick Süskinds Parfüm habe ich keinen so guten Roman gelesen, der die Zeit kurz vor der Französischen Revolution einfängt. 1785 bekommt ein junger Ingenieur aus der Provinz vom Königshaus in Versailles den Auftrag, den alten Friedhof mitten in Paris aufzulösen, da er bis zum Himmel stinkt. Jean-Baptiste Baratte kommt in das Herz der Altstadt, wird aber nicht mit offenen Armen empfangen. Nicht nur seine neue Umgebung, die Straße und Häuser sind morbid und baufällig, die ganze Gesellschaft, das Ancien Régime steht vor einem Abgrund und man spürt eine neue Zeit heraufziehen. Der Roman bietet ein Wechselspiel an Mystik und Magie des Vergangen mit dem aufgeklärten Wissen einer Zukunft die sich nicht aufhalten lässt. Ja, und natürlich kommt auch die Liebe nicht zu kurz…
Anna Kalmbach

Andrew Miller
„Friedhof der Unschuldigen“

380 Seiten
Zsolnay Verlag
21,90 Euro

Preußische Exoten
Wahrlich ein Stoff der förmlich nach einem Roman schreit. Die Pfaueninsel auf der Havel unweit von Potsdam gehört zum Weltkulturerbe. Vor rund 200 Jahren lebte dort als Teil des Hofstaats die kleinwüchsige Marie. Sie wird zur Hauptgestalt in Thomas Hettches Roman „Pfaueninsel“. Die Preußenkönige verwirklichten auf der Insel ihren Traum von Exotik. Zu der Landschafarchitektur mit Palmengarten und Menagerien, die die Tropen auf die Insel holen sollten, gesellten sich exotische Menschen und Tiere. Natürlich musste auf dieser Insel auch ein Schloss stehen. Dem Vater Friedrich Wilhelm II diente es zur Lust mit seiner Mätresse, der königliche Sohn hielt sich eine Generation später mit seiner Familie auf. Doch bald begann die Pracht der Insel zu verwelken und der Traum von einem Leben im Einklang mit der Natur geriet in Vergessenheit. Nur Marie blieb auf der Insel und wird so zur Chronistin von Thomas Hettche, der mit ihr und seinem Roman der Insel ein kleines Denkmal gesetzt hat.
Anna Kalmbach

Thomas Hettche
„Pfaueninsel“

344 Seiten
Verlag Kiepenheuer & Witch
19,99 Euro