Seit Heraklit ist der Fluss Sinnbild der Identitätsfrage par excellence ...
Claudio Magris in „Die Donau“

Vielleicht mag es etwas ungewöhnlich erscheinen, wenn eine Buchhandlung auf ihrer Webseite der Donau eine eigene Rubrik widmet. Wer sich aber in unserem Haus ein wenig umsieht, merkt sehr schnell, dass wir, und vor allem der Buchhändler, ein großes Faible für diesen Strom haben. Kein Roman der entlang der Donau auf Deutsch erscheint, der nicht in unseren Regalen einen Platz bekommen würde. Jeder Verlagsvertreter, der unser Haus besucht, ist glücklich, wenn er uns ein neues Donaubuch vorstellen kann, denn er kann sich sicher sein, dass die Bestellzahl nicht klein ausfallen wird. Seit vielen Jahren engagieren wir uns auch für das Ulmer Donaufest und versuchen unseren Teil mit einem Literaturprogramm dazu beizutragen. Mit der Europäischen Donauakademie und dem Donauschwäbischen Zentralmuseum versuchen wir mit der Organisation von Lesungen und Vorträgen und der Vermittlung von Autoren einen kleinen Beitrag zu Verständigung der Donauanrainerstaaten zu leisten. Wenn auch manche Staaten entlang der Donau in ihrer politischen Entwicklung manchmal den Eindruck erwecken, dass sie nach dem Prinzip „drei Schritte vor und zwei zurück“ vorgehen, so ist es für das Haus Europa doch ein Glücksfall, dass die Integration der Donauanrainerstaaten fast reibungslos verlief. Und was für eine Bereicherung bedeuten diese Länder mit ihrer Kultur und deren wunderbarer Landschaft, die es zu entdecken gilt. Keine Angst, ich werde nicht wie Josef Roth an seinem Lebensende wieder die Habsburger Monarchie zurückwünschen. Diese Seite soll dem einzigen europäischen Strom der in West-Ost-Richtung fließt gewidmet sein, ebenso wie dessen Anwohner, deren unterschiedliche Kulturen unser gemeinsames Europa so reich machen. Natürlich werden auf dieser Seite auch Buchbesprechungen einen Platz finden; genauso möchten wir aber auf Veranstaltungen hinweisen und auch vom einen oder anderen Donau-Fundstück berichten.


"Brigach und Breg bringen die Donau zu Weg"

Literatur trifft Museum
Gemeinsame Veranstaltungen unserer Buchhandlung
mit dem Donauschwäbischen Zentralmuseum Ulm
Zweites Halbjahr 2017

Viel Vergnügen beim Blättern!

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Ulrich Gansert
„Erlebnis Czernowitz“

Auf den Spuren von Paul Celan. Landschaften der Dichtung
260 Seiten
Löcker
49,80 Euro


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Czernowitz – ein magischer Traum vergangener Tage
Selbst heute kann man sich als Besucher dieser Stadt, dem Reiz und der Magie, die von ihr ausgeht kaum entziehen. In Czernowitz dreht man das Rad der Zeit um 100 Jahre zurück. Einmal dort durch die Gassen geschlendert, wird man, egal von woher angereist, in seinem Denken an Czernowitz von Heimweh nach dieser Stadt ergriffen. Ulrich Ganserts Bildband, der die bukowinische Metropole mit seinen prachtvollen Bildern erkundet und ganz nebenbei auch auf Paul Celan und viele andere große Czernowitzer hinweist, ist das schönste Erinnerungsalbum gelungen, das je von dieser Stadt fotografisch unternommen wurde. Zum Gelingen des Buches tragen aber ebenso die sehr schönen und informativen Texte bei, die den Bilderreigen begleiten.




Miljenko Jergović
„Die unerhörte Geschichte meiner Familie“

Roman
1144 Seiten
Schöffling
34,00 Euro


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Hundert Jahre Balkan im Donauschwäbischen Zentralmuseum
Die Lesung mit Miljenko Jergović in Ulm war eine kleine Sternstunde der Literatur. Nicht nur, weil der 1100 Seiten Roman des kroatischen Autors solch eine schriftstellerische Meisterleistung ist, sondern weil die Diskussion so tief und dabei hochaktuell war. So sind für Jergović nicht etwa die populistischen Nationalisten an der Macht das Problem, vielmehr fürchtet er sich vor Demokratien, die solche Figuren wählen. Der Roman, der ein Füllhorn an Geschichten bietet, wurde von dem Ulmer Schauspieler Karl Heinz Glaser bestens gelesen und das Kapitel über die Deutschen in Sarajewo nach dem Krieg zeigte, wie gut Jergović an Hand seiner Familiengeschichte hundert vergangene Jahre des Balkans lebendig werden lässt. Leni Perencevic vom Museum kam der schwierige Part des Übersetzens zu, den sie glänzend gemeistert hat.

Donnerstag, 18. Mai 2017 - 19 Uhr
Donauschwäbische Zentralmuseum Ulm




Alida Bremer,
Michael Krüger
„Glückliche Wirkungen“

Eine literarische Reise in bessere Welten
240 Seiten
Propyläen
28,00 Euro


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„Sein Jahrhundert kann man nicht verändern,
aber man kann sich dagegen stellen
und glückliche Wirkungen vorbereiten“


Johann Wolfgang von Goethe

Eine literarische Reise in bessere Welten
Um glückliche Wirkungen für bessere Welten geht es in dem Buch – von Frank Walter Steinmeier noch in seiner Funktion als Außenminister angeregt – das von der Autorin und Übersetzerin Alida Bremer und dem Grandseigneur des deutschen Buchhandels, Michael Krüger, herausgegeben wurde. Alida Bremer kam nach Ulm, um dieses so geglückte Projekt vorzustellen. Tatsächlich haben 56 Autoren aus den 57 OSZE-Ländern (Turkmenistan hinterließ eine Lücke) Beiträge dazu geleistet, die, wie die Herausgeberin erzählte, unterschiedlicher nicht sein könnten und doch zieht sich ein gemeinsamer kultureller Faden durch das Buch. Mit auf dem Podium im Donauschwäbischen Zentralmuseum saß der ungarische Philosoph Tamás Miklós, der den Text für sein Land zu dieser Anthologie beisteuerte. Die Ungleichzeitigkeit in der Entwicklung der Staaten, die Frage der Bildung, Berechtigung oder gar die Notwendigkeit von Utopien waren Aspekte, die während des Abends zur Diskussion anstanden. Bereichert wurde die Veranstaltung durch Bernd Weltin, der Texte des Buches aus verschiedenen Ländern gekonnt vorlas. Wenn es um glückliche Wirkungen geht, dann ist dieses Buch ein wertvoller Beitrag und die Veranstaltung im DZM trug seinen Teil dazu bei.

Donnerstag, 27. April 2017 - 19 Uhr
Donauschwäbische Zentralmuseum Ulm

38 Bücher aus 38 europäischen Ländern
Es hat mich sehr gefreut, dass ich Ende Februar eine Einladung von der Landeszentrale für politische Bildung nach Urach in das „Haus auf der Alb“ erhalten habe. Um zu zeigen, wie eng verbunden die europäische Staatengemeinschaft ist, aber gleichzeitig auch welche kulturelle Vielfalt sich darin widerspiegelt, durfte ich dort 38 Bücher – fast nur Romane – aus 38 europäischen Ländern einem sehr interessierten Publikum im Schnelldurchlauf vorstellen. Zuvor berichtete ich aber in meiner Einführung von einem fiktiven Buch, das in 20 Jahren erscheinen könnte. Das Buch eines großen Dichters, vielleicht Lebenserinnerungen, die den Niedergang Europas anprangern. Mit Stefan Zweig hat in der Vergangenheit schon einmal ein großer Europaenthusiast und Schriftsteller den politischen und moralischen Zerfall unseres Kontinents in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bedauert. Sein Buch „Die Welt von Gestern“ ist allen Europaskeptikern dringend zur Lektüre angeraten. Die kurze Einführung und die Liste der vorgestellten Bücher können sie hier nachlesen.

Thomas Mahr





Stefan Zweig
„Die Welt von gestern“

Erinnerungen eines Europäers
464 Seiten
FISCHER Taschenbuch
11,95 Euro






Marina Caba Rall
„Esperanza“

Roman
224 Seiten
Wagenbach
19,90 Euro


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Spanien im Donauschwäbischen Zentralmuseum
An Flucht, Vertreibung und Migration hängen zwar immer Einzelschicksale, aber es gibt auch Parallelen. Deshalb war es gut die deutsch-spanische Autorin Marina Caba Rall in das Museum einzuladen, in dem sonst eher östliche Autoren das Wort haben. Caba Ralls Roman „Esperanza“ zeigt, wie die Verdrängung von Geschichte, die Ausblendung der eigenen Biografie, eine ansonsten glückliche Familie aus dem Gleis bringen kann. Mehr als 40 Jahre lebt eine Spaniern in Berlin, verheiratet, zwei erwachsene Kinder und dann steht plötzlich ein Mann vor der Tür, der seine Mutter sucht. Die Autorin erklärte im Gespräch, dass die Wunden der spanischen Diktatur unter Franco noch längst nicht verheilt sind. Zaghaft ist die Aufarbeitung und erfolgt fast ausschließlich durch private Initiativen. Ähnlich wie bei den Flüchtlingen aus Osteuropa, erklärte Caba Rall, ginge das Trauma des Krieges auch in ihrem Heimatland auf die zweite Generation über.

Montag, 28. November 2016 - 19 Uhr
Donauschwäbische Zentralmuseum Ulm
In Kooperation mit der Frauenakademie vh Ulm




László Darvasi
„Wintermorgen“

Novellen
345 Seiten
Suhrkamp
24,00 Euro


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Der ungarische Staatschef Viktor Orbán hat schon immer seine eigenen Regeln gehabt, erzählte László Darvasi bei unserer Ulmer Lesung im Donauschwäbischen Zentralmuseum; auch beim Fußball. Beide haben in jungen Jahren gegeneinander gespielt. Darvasi, ungarischer Journalist, Literaturkritiker und Fußballenthusiast zeigt als Schriftsteller ein ganz anderes Gesicht. Seine Novellen sind von Fantasie und Sprachgewandtheit gekennzeichnet, die ihn zu einem großen Dichter machen. Im Gespräch, bei seiner Lesung, gab er Einblick in seine Schreibwerkstatt und unterstrich, dass gerade das Absurde seiner Novellen die groteske Realität in Ungarn aufzeige und nicht nur dort.

Mittwoch, 16. November 2016 - 19 Uhr
Donauschwäbische Zentralmuseum Ulm

Ein neu erwachtes Bewusstsein
Ob die Donauschwaben wirklich ein Auslaufmodell in den östlichen Donauanrainerstaaten sind, wird die Zukunft zeigen. Der Katalog der Ausstellung „Unter Anderen“ des Donauschwäbischen Zentralmuseums Ulm lässt eine etwas optimistischere Einschätzung zu. Erstaunlicherweise ist es der serbische Fotograf Dragoljub Zamurović, der sich in Ungarn, Kroatien, Serbien und Rumänien auf Spurensuche begeben hat und dabei ganz erstaunliche Begegnungen erfahren durfte. Denn er hat auch junge Menschen gefunden, die sich ihrer ethnischen Wurzeln besinnen. Die Bilder zeigen deutlich, wie die Tradition der Deutschen noch nicht verloren gegangen ist und an manchen Orten wieder auflebt. Die jeweiligen Eingangskapitel zu den einzelnen Donauländern sind informativ und erläutern mit ihren statistischen Zahlen den Bevölkerungsanteil der Donauschwaben. Die geführten Interviews, ebenfalls im Katalog, vermitteln ein buntes Bild der Lebensgeschichten. Einer der Befragten – Peter Trimper - schließt mit dem Satz, dass er immer noch Deutsch denkt, würde man auf das Rumänische wechseln, so würde man seine Muttersprache vergessen.

Thomas Mahr


Unter Anderen / Amongst Others
Donauschwaben im südöstlichen Europa heute
Ausstellungskatalog
180 Seiten
Klemm & Oelschläger
19,80 Euro


Die Bilder sind dem Ausstellungskatalog entnommen

Die Ausstellung im Donauschwäbischen Zentralmuseum läuft noch bis zum 17. April 2017








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Nachlese Donaufest 2016
Einhellig ist die Meinung, dass das 10. Internationale Donaufest in Ulm ein voller Erfolg war. Das eigens inszenierte Musiktheaterstück „Treibgut“, die Fotoausstellung „Under the Bridge“ mit Fotografien Obdachloser entlang der Donau und der Donau- Musikpreis, der in diesem Jahr für die Violine vergeben wurde, wurden dem Jubiläumsfest gerecht. Markenzeichen für das Festival ist aber die Begegnung der Menschen entlang der Donau, die sich immer zum Donaufest an den Ufern einfinden und auf dem Markt der Donauländer ein Stück Europa lebendig werden lassen.
Für die Begegnung mit der Literatur durften wir wieder verantwortlich zeichnen. Das Format bedeutende, aber vergessene Donauliteratur und deren Autoren mit Hilfe der Stimmen großartiger Schauspieler wieder dem Publikum näher zu bringen fand eine Fortsetzung. August Zirner las im Ulmer Stadthaus aus dem Werk Danilo Kis‘ und Ulrike Kriener rezitierte Alexandar Tisma, der 2003 verstarb, aber Gast des ersten Ulmer Donaufestes war. Wer sich kundig machen möchte über Werk und Leben der beiden Autoren kann hier gerne meine beiden Einführungen zu den Veranstaltungen nachlesen.
50 Frauen (und zwei Männer) waren Zuhörer eines Symposiums „Frauen an der Donau“ das wir mit Unterstützung von Leni Perencevic vom Donauschwäbischen Zentralmuseum im Ulmer Einsteinhaus durchführten. Mit Alida Bremer (Kroatien, ) Noemi Kiss (Ungarn), Babi Markovic (Serbien), und Dana Grigorcea (Rumänien) stellten sich vier Autorinnen aus verschiedenen Donauländern vor und diskutierten so tief, umfassend aber auch aktuell über das Thema, dass für die Zuhörerinnen die ganztägige Veranstaltung wie im Flug verging.
Das Thema der Frauen an der Donau wurde auch zum Leitmotiv der literarischen Absacker in der Galerie Schrade. Schauspielerinnen lasen ausgewählte Texte von Donauautorinnen - bestens begleitet am Akkordeon von Ivan Antonic. Die kurzen, anregenden Lesungen fast schon zur mitternächtlichen Stunde sind zum Geheimtipp geworden.

Der Mut zum Weiterleben
Von Holocaust-Kitsch zu sprechen dürfte schon die härteste Keule sein, um einem Buch von vorneherein jeglichen Wert abzusprechen. Dabei scheint Maxim Biller die Intention dieses Romans des ungarischen Regisseurs Péter Gárdos nicht verstanden zu haben. „Fieber am Morgen“ erzählt vom Leben nach dem Ende des Schreckens im Lager. Der Autor hat diese Handlung ja nicht frei erfunden, es ist die Geschichte seiner Eltern, deren Aufeinandertreffen in Schweden eine wahre Liebesgeschichte widerspiegelt und einen Willen weiterzuleben, um das Grauen zu überwinden. Dass Miklós Gárdos tatsächlich 117 Briefe geschrieben hat, um in Schweden die Liebe zu finden, ist ja nicht frei erfunden, sondern Teil einer Biografie. Und wirklich fand er dadurch mit Lili seine spätere Frau. Vielleicht muss man nach vorne schauen, um den Wert dieses Buches zu erkennen. Was wäre geschehen, wenn Länder wie Schweden nach dem Krieg keine jüdischen Überlebenden aufgenommen und durch ihre Fürsorge wieder auf die Beine gebracht hätten. Denkt man daran, dass die Mittäterschaft der Ungarn am Holocaust noch immer ein gesellschaftspolitisches Tabu ist und sieht, wie Orbans Politik gegenwärtig mit den Flüchtlingen umgeht, kommt man nicht umhin, Gárdos‘ Roman aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten – und auch der Verfilmung wünsche ich - Kitsch hin oder Kitsch her - das gleiche Happyend wie im Buch.
Thomas Mahr

Peter Gárdos
„Fieber am Morgen“

Roman
251 Seiten
Hoffmann und Campe
22,-- Euro

Europa an den Rändern
„Schäbiges Schmuckkästchen“, so bezeichnet die ungarische Autorin Noémi Kiss den östlichen Rand Europas, den sie auf ihren Reisen erkundet hat. Unter diesem Titel erscheinen zusammengefasst ihre Reisebeschreibungen in einem Buch, das für mich zu dem Interessantesten zählt, was in jüngster Zeit über den Osten Europas erschienen ist. Mit den Gedichten von Paul Celan und einem uralten Baedeker in der Tasche beschreibt sie jene habsburgischen Grenzregionen, die ehedem Bukowina und Galizien hießen und heute mit neuen Grenzen auf verschiedene Länder verteilt sind. Kiss reflektiert gleichzeitig die historische Patina, den Mythos, der bei Städtenamen wie Lemberg oder Czernowitz anklingt und ist doch ganz nah an der Gegenwart, wenn sie den Alltag der Menschen im Hier und Heute einfängt. Europäische Regionen, die aus der Zeit gefallen scheinen, deren Bewohner sich aber bemühen eben doch als Teil Europas wahrgenommen zu werden. Kiss schreibt mit einer so einfühlsamen und genauen Sprache, dass man vom leidvollen Schicksal jener versehrten Regionen angerührt und angestiftet wird, schnell die Koffer zu packen um es ihr gleich zu tun.
Thomas Mahr



Noémi Kiss
„Schäbiges Schmuckkästchen“

Roman
173 Seiten
Europa Verlag Berlin
17,99 Euro



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Gespräch und Lesung aus dem „Schäbigen Schmuckkästchen“ waren im Donauschwäbischen Zentralmuseum ein voller Erfolg. Noemi Kiss, die vielversprechende, junge ungarische Autorin, steht für ein ganz anderes Bild ihres Heimatlandes, als das, welches uns gerade die Medien vermitteln. Es ist erstaunlich, mit welchen Assoziationen, welch Bildern, sie von den Eindrücken ihrer Reisen in den Osten Europas berichtet - wie sie gleichzeitig Hoffnungslosigkeit und dann wieder Aufbruchsstimmung erfährt. Sie hat den Staub der Vergangenheit Schicht für Schicht abgetragen und ist dabei nicht nur auf Geschichte(n) gestoßen, sie hat auch in die Seele der Menschen geblickt.

Donnerstag, 12. November 2015 - 19 Uhr
Donauschwäbisches Zentralmuseum Ulm


Wiederentdeckt
Sibylle Schleicher und Hannelore Jäger lasen am 10. Oktober 2015 anlässlich der Ungarischen Kulturtage in Ulm im Haus der Donau aus Magda Szabos Roman „Hinter der Tür“. Das Buch erschien erstmals 1987 in Ungarn und sorgte dort für eine literarische Sensation. Daraufhin wurde es in 36 Sprachen übersetzt und spätestens nach der Verfilmung mit Martina Gedeck in einer der Hauptrollen ist das Buch zum Klassiker geworden. Der Roman handelt von einer erfolgreichen Schriftstellerin, die mit Emerenc eine Frau gefunden hat, die in ihrem Heim bald unersetzlich wird. Die Haushälterin ist aber ein Mensch mit sehr eigenem Charakter, so dass sie bei aller Liebenswürdigkeit, die sie der Hausherrin entgegenbringt, doch ihre Geheimnisse verbirgt. Magda Szabo zeichnet mit ihren zwei so unterschiedlichen Frauenbildern, die in dem Buch aufeinandertreffen, ein ungarisches Gesellschaftsportrait, das die Verletzungen der Geschichte in die Gegenwart hinein reichen lässt. Die beiden Schauspielerinnen haben mit ihren unterschiedlichen Stimmen den Roman sehr lebendig werden lassen und die Lesung fast schon inszeniert, da sie mit klassischer Musik wunderbare Überleitungen schafften. Die Lesung, ein wahrer Hörgenuss, der wirklich animierte, anschließend selbst im Buch weiterzulesen.
Thomas Mahr

Magda Szabó
„Hinter der Tür“

Roman
310 Seiten
Suhrkamp
8,99 Euro


Eine Minderheit am Abgrund
Was für ein Glück, dass es uns gelungen ist, die in England lebende Autorin Ursula Ackrill nach Ulm ins DZM einzuladen und als Gast begrüßen zu dürfen. Die promovierte Germanistin mit siebenbürgischen Wurzeln hat fern ab von der deutschen Sprache, aber eben doch auf Deutsch ihren ersten Roman geschrieben. Nicht nur weil es den Tonfall der rumäniendeutschen Minderheit einfängt, bereichert das Buch die Gegenwartsliteratur, es ist einzigartig, wie die angespannte Stimmungslage der Menschen in der Kleinstadt Zeiden, westlich von Kronstadt gelegen, im Jahr 1941 beschrieben wird. Wie in einem Kaleidoskop tauchen in dem Roman die Figuren auf, die eine Rolle in dem kleinstädtischen Leben spielen und dabei den Versprechen der Nationalsozialisten mehr oder weniger auf dem Leim gehen. Einzig Leontine, die „Heldin“ des Romans stellt sich quer wie eine Kassandra, aber auch ihre Warnungen bleiben ungehört.

Montag, 20. April 2015 - 19 Uhr
Donauschwäbisches Zentralmuseum Ulm


Ursula Ackrill
„Zeiden, im Januar“

Roman
256 Seiten
Wagenbach Verlag
19,90 Euro



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Donauschwäbische Geschichten im Museum
Gut besucht war die Lesung im Donauschwäbischen Zentralmuseum in Ulm in der der Buchhändler Thomas Mahr als Autor eigene Kurzgeschichten las. Der Inhalt dieser Erzählungen war angelehnt an die Ausstellung „Gyula das Tauschkind“ im Museum. Henrike Hampe, Kuratorin der Ausstellung und Museumsmitarbeiterin, eröffnete den Abend mit ihrer Einführung. Bernd Weltin ergänzte diesen Abend mit Texten aus der Literatur des Donauraumes. Eingeleitet wurden die Textpassagen immer von kurzer Küchenpoesie, die Angelika Mahr vorlas.
Thomas Mahr

Donnerstag, 19. Februar 2015 - 19 Uhr
Donauschwäbisches Zentralmuseum Ulm

Wer an dem Abend nicht dabei sein konnte, hat hier die Gelegenheit die Texte zu lesen.

Habsburg Mythos und Markenzeichen
Zunächst einmal hat Richard Wagner wirklich eine kleine Bibliothek einer verlorenen Welt geschrieben. Wer immer auf der Suche ist nach mehr oder weniger vergessenen Büchern und Autoren entlang der Donau beziehungsweise in den ehemaligen habsburgischen Landen für sich entdecken möchte, der hat mit seinem Buch wunderbare Anregungen gefunden. Wagner, ehedem der Lebenspartner der Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller, kommt auch aus dem Banat. Er hat nicht nur ein diktatorisches Regime jenseits des Eisernen Vorhangs erlitten, er weiß auch, was nationalstaatliches Denken für Minderheiten bedeutet. Trotzdem unterliegt er nicht dem Klischee, das Habsburgerreich als multikulturell funktionierendes Staatensystem zu beschreiben. Oftmals wird für ihn der Mythos des Habsburgerreichs verklärt, der auch bei den Planspielen der heutigen EU-Osterweiterung den Blick vernebeln kann. Doch zurück zur Bibliothek: Allein Wagners Fundstücke einer untergegangen Welt zeichnen sich gerade durch seine individuelle Auswahl aus - am Leser selbst liegt es dann, aus den Mosaiken ein eigenes Bild zu kreieren, in dem er selbst auf literarische Entdeckungsreise geht..
Thomas Mahr

Richard Wagner
„Habsburg“

Roman
240 Seiten
Hoffmann und Campe Verlag
27,99 Euro


Ivo Andric
„Die Brücke über die Drina“

Roman
496 Seiten
Zsolnay
25,90 Euro



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"Gesellschaftliche Veränderungen? Die Menschheit muss von Zeit zu Zeit die Schultern wechseln, auf der sie die Last trägt, die Leben heißt."
Ivo Andric
Die Idee ein Stück Weltliteratur einen Abend lang in den Mittelpunkt des Donaufestes zu stellen, ist wieder beeindruckend aufgegangen. Mit der Schauspielerin Cornelia Froboess ist es uns gelungen, dem einzigen jugoslawischen Nobelpreisträger eine große Stimme zu leihen. Das Stadthaus war gut gefüllt und das gebannt zuhörende Publikum ließ sich ganz von dem Sog des glänzend stimmlich interpretierten Vortrags einfangen. Die Schauspielerin las das Schlusskapitel „Der Brücke über die Drina“, der Chronik der bosnischen Grenzstadt Visegrad, just zu dem Zeitpunkt als gut 100 Kilometer weiter nördlich im Juni 1914 der Habsburger Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau von einem serbischen Attentäter erschossen werden. Der eigentliche Held des Romans ist die berühmte Brücke, die fast 500 Jahre der Mittelpunkt der Stadt war und durch die Sprengung dem Ersten Weltkrieg zum Opfer fiel. Damit fanden auch eine Jahrhunderte währende Geschichte und der Versuch einer gelebten Toleranz ein Ende. Wer mehr über das Werk, das Leben und den Roman von Ivo Andric erfahren möchte kann die Einführung, die ich an dem Abend halten durfte, nachlesen.
Thomas Mahr

Mittwoch, 9. Juli 2014
Stadthaus Ulm

An Dalmatiens Küsten
Alida Bremer ist ständig unterwegs, um die kroatische und serbische Literatur dem deutschsprachigen Lesepublikum näher zubringen. Sie lebt mit ihrem deutschen Mann in Münster und ist dort als unermüdliche Übersetzerin tätig. Gleichzeitig organisiert sie aber auch pausenlos vielbeachtete Veranstaltungen, Symposien und Messen, die sich um die Literatur des Balkans drehen. Rechtzeitig zum Beitritt Kroatiens in die EU hat sie nun aber selbst einen Roman auf Deutsch veröffentlicht. „Olivas Garten“ lässt tief in die jüngste Geschichte Dalmatiens blicken, ohne dass Bremer auf das Genre des historischen Romans zurückgreifen musste. Die mögliche Erbschaft eines Gartens zwingt die Erzählerin von Deutschland aus in die alte Heimat zu reisen und gleichzeitig in der langen Familiengeschichte zu kramen. Herausgekommen ist dabei eine Hommage an ihre Großmütter, an die Frauen, die die Grausamkeiten der Geschichte des Landes erleiden mussten. Bei diesen Rückblenden zeigt Alida Bremer aber auch etwas von der Lebensfreude dieser Frauen, die mit ihrer Vitalität dem Schicksal trotzen.

Donnerstag, 27. März 2014 - 19 Uhr
Donauschwäbisches Zentralmuseum Ulm


Alida Bremer
„Olivas Garten“

Roman
320 Seiten
Eichborn Verlag
19,99 Euro


Donaugeschichten
Welch größeren Enthusiasmus für die Donau kann man dennaufbringen, als einen umfangreichen Band in der Reihe „Europa Erlesen“ über diesen großen europäischen Strom herauszugeben. Der unermüdliche österreichische Verleger Lojze Wieser hat dies geschafft, in dem er in der gleichen Reihe nun noch einen Band folgen ließ, der sich ausschließlich mit dem Donaudelta beschäftigt. Wer schon einmal in einem Buch dieser Reihe gelesen hat, wird sehr schnell merken, was für eine besondere Wirkung die unorthodoxen, unkommentierten und kurzen Beiträge bei der Lektüre hinterlassen. Der Doppelband über die Donau, der schon im Format fast den Eindruck eines „Zauberwürfels“ vermittelt, versprüht auch im Inhalt eine Magie, die einen ständig weiterlesen lässt. Die kurzen Geschichten folgen zwar formal dem Lauf der Donau, inhaltlich springen sie aber vom Nibelungenlied zur Verordnung der Donaustrompolizei, vom barocken Gedicht hin zu einem Text von Ingeborg Bachmann und dann bleibt der Ulmer Leser hängen an einer wirklich romantischen Geschichte von Mark Heywinkel vom Neu-Ulmer Jungen, der nicht zu seiner Angebeteten auf die andere Flussseite kommt... Die jetzt gerade neu erschienene Anthologie vom Donaudelta stellt eine wunderbare Ergänzung zu dem Doppelband dar. Elias Canetti erzählt davon, dass man früher eine Reise vom Delta aus nach Wien als „ Fahrt nach Europa“ bezeichnete. Doch der Blick in umgekehrte Richtung öffnet uns eine Tür, die ein anderes Europa zeigt, in dem einst ein buntes Völkergemisch eine erstaunliche Toleranz zeigte. Ebenso entdecken wir eine Landschaft von fast unschätzbarem ökologischen Wert und Spuren einer Hochkultur in der Antike, längst bevor die Germanen sich aufmachten den Donauraum zu besiedeln.
Thomas Mahr


Europa Erlesen
„Donau“

Herausgegeben von Christian Fridrich
638 Seiten
Wieser Verlag
29,90 Euro



„Donaudelta“
389 Seiten
Wieser Verlag
14,95 Euro